Diffamierung im Internet und Cyber-Mobbing

Vom Opfer zum Lösungstäter – Ein Gastbeitrag von Andreas Kemmerer

Der Siegeszug des Internets in den deutschen Haushalten ist ungebrochen. Laut der Allensbach-Studie (2008) nutzen inzwischen 22,1 Mio. Bundesbürger, das sind 45 % der 14 bis 64-Jährigen das Netz täglich. 66 % der unter 65-Jährigen nutzen generell das Internet am eigenen PC. Gleichzeitig verlieren Zeitungen und das Fernsehen an Bedeutung.

Das Internet ist also für die Mehrzahl der deutschen Haushalte kaum mehr wegzudenken. Ob es um Nachrichten geht, um die Sonderangebote bei Aldi oder um die Entscheidungsfindung, welcher Zahnarzt oder Steuerberater konsultiert wird – man besucht seine Favoriten-Seiten oder „googelt“ einfach mal, und schaut was so kommt. Besonders bei jüngeren Nutzern spielen zudem Online-Communities eine große Rolle wie StudiVZ oder Facebook.

Neben den Vorteilen und den unser Leben bereichernden Möglichkeiten, welche dieses Medium bietet, zeigt es allerdings auch seine Schattenseiten. Hierzu gehören das sogenannte Cyber-Mobbing, gezielte Diffamierungen und Rufmord im Netz. Je mehr das Internet und das Web 2.0 an Bedeutung gewinnt, desto mehr greifen diese Phänomene um sich und richten psychische wie auch wirtschaftliche Schäden bei den Betroffenen an. Nach Schätzungen der GEW sind 50.000 Pädagogen und Schüler schon Opfer von Attacken im Internet oder anderen modernen Medien geworden. Darüber hinaus haben im Netz Diffamierungen und Mobbing unter Nachbarn, Kollegen und im gewerblichen Bereich drastisch zugenommen. Vielmals sind die juristischen Möglichkeiten begrenzt und die Betroffenen müssen einen Weg finden, mit dieser öffentlichen „Verunstaltung“ ihrer selbst zurecht zu kommen.

In diesem Artikel möchte ich kurz die Motive der Täter hinterfragen und danach eine Reihe von Anregungen vorschlagen, wie öffentlich diffamierte Menschen mit ihrer Verletzung umgehen können. Hierbei gehe ich nicht näher auf juristische Schritte ein, die unter Umständen eingeleitet werden können. Hierzu gibt es genügend Informationsquellen im Netz und spezialisierte Rechtsanwälte.

Cyber-Mobbing, Cyber-Bullying und die Motive der Täter

Unter Cyber-Mobbing oder Cyber-Bullying versteht man die Nutzung moderner Kommunikationsmittel, um anderen Menschen zu schaden. Hierbei werden die Opfer durch Bloßstellung im Internet, permanenten Belästigungen oder durch Verbreitung falscher Behauptungen gemobbt.

Die Motive für solche Angriffe sind sehr vielfältig. Hierzu gehören im privaten Bereich vor allem unerwiderte Liebe, Neid, Eifersucht, Rache oder verletzte Ehre. Im Kontext Schule spielen zudem Langeweile, Frustration und ein übersteigertes Geltungsbedürfnis eine große Rolle. Lehrer können Zielscheibe von Angriffen sein, wenn sich Schüler in den unterschiedlichsten Formen ungerecht behandelt fühlen und sie ein Ventil für ihre Ärger- und Rachegefühle suchen. Bei Schülern ist hierbei in vielen Fällen auch ein hoher Grad an Naivität und Unwissenheit im Bezug auf die Konsequenzen ihres Handelns vorhanden. Genutzt werden unter anderem Portale wie spickmich.de oder meinprof.de. Darüber hinaus gibt es unzählige Foren und Communities, wo Mobbing stattfinden kann.

Im beruflichen und gewerblichen Bereich steht häufig das Ausschalten von Konkurrenz in einem Betrieb, einer Branche oder auch einer bestimmten Denkrichtung im Vordergrund. Durch das Verbreiten von rufschädigenden Behauptungen gegenüber einzelne Personen oder Firmen in Internetportalen wird gezielt versucht, Wettbewerbsvorteile zu erlangen und zu sichern.

Ein weiterer Täterhintergrund ist eine psychische Krankheit oder Labilität des Täters. Ein häufiger Typus ist hierbei ein Mensch, der im Leben weitgehend gescheitert ist, wenig Sozialkontakte hat, zurückgezogen lebt und sich nach Anerkennung und Bedeutung sehnt. Das Internet bietet ihm als Surrogat einen Raum, in dem er auf destruktive und gleichzeitig anonyme Weise Macht und Omnipotenz erleben kann. Die Opfer können z.B. Ex- oder eingebildete Partner, Menschen, denen er den Erfolg neidet u.a. sein.

Umgangsstrategien

Im Folgenden möchte ich Betroffenen neue Blickwinkel aufzeigen und Hinweise geben, die dazu beitragen können, solche Attacken innerlich abzuwehren und konstruktiv zu verarbeiten. Natürlich gibt es hier keine Rezepte mit denen man das Thema sofort aus der Welt schafft. Es geht vielmehr um einen allmählichen Prozess der inneren Ablösung von den verleumdenden Aussagen oder Bildern mit gleichzeitiger Ausrichtung auf die eigenen inneren Freiräume, Ressourcen, Wachstumschancen und auf das Leben, das weiterhin gelebt werden will. Möglicherweise ist nicht jeder hier aufgeführte Punkte für Ihren speziellen Fall angebracht. Suchen Sie sich einfach die für Sie nützlichen Impulse heraus und arbeiten Sie auf Ihre Weise damit weiter.

Trotzdem ja zum Leben sagen

„Unglück wird zu Glück,
indem man es bejaht.“ (Hermann Hesse)

Der Seelenarzt Viktor E. Frankl überlebte im zweiten Weltkrieg das Konzentrationslager, wo er unbeschreibliche körperliche und psychische Qualen erleiden musste und auch seine Frau verlor. Neben dem Tragen seiner eigenen Last betreute und ermutigte er auf beeindruckende Weise noch seine KZ-Mitgefangenen. Später hielt er seine Erfahrungen und Erlebnisse in seinem Buch: „Trotzdem ja zum Leben sagen“ fest. Einige seiner ermutigenden Grundideen möchte ich hier zusammenfassen.

In Frankls Denkweise steht immer der persönliche Sinn, der in jeder Lebenssituation verankert ist und die existenzielle geistige Freiheit im Vordergrund, die jedem Menschen innewohnt – völlig unabhängig von den äußeren Lebensumständen. Das Besondere hierbei ist, dass wir auch dem schicksalhaft Unausweichlichen nicht völlig ausgeliefert sind. Wir haben immer die Freiheit unsere Einstellung gegenüber einer Situation zu wählen und zu verändern. Der Seelenarzt betont auch, dass wir jedes Leid und Schicksal ertragen können, wenn wir einen Sinn darin erkennen oder ihm einen Sinn geben.

Frankl meint: „Es gibt keine Lebenssituation, die wirklich sinnlos wäre. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die scheinbar negativen Seiten der menschlichen Existenz, insbesondere jene tragische Trias, zu der sich Leid, Schuld und Tod zusammenfügen, auch in etwas Positives, in eine Leistung gestaltet werden können, wenn ihnen nur mit der rechten Haltung und Einstellung begegnet wird.“

An einer anderen Stelle betont er: „…aber auch in einer hoffnungslosen Situation, der er hilflos gegenübersteht, sieht er unter Umständen einen Sinn. Worauf es ankommt, ist die Haltung und die Einstellung, mit der er einem unvermeidlichen und unabänderlichen Schicksal begegnet. Erst die Haltung und die Einstellung gestattet ihm, Zeugnis abzulegen von etwas, wessen der Mensch alleine fähig ist: das Leiden auf der menschlichen Ebene in eine Leistung umzusetzen und umzugestalten.“

So kann aus einer Attackierung von außen eine großartige menschliche Leistung wachsen, indem der Betroffene eine innere aufrechte Haltung entwickelt, die den negativen Einflüssen standhalten kann. Die Situation kann hierbei trotz erlebtem Leid – das nicht weggewischt oder negiert werden soll – als sinnhaft anerkannt werden. Wir können es im Moment vielleicht nicht direkt spüren und erfassen – aber darauf vertrauen, es erahnen – dass in der Situation ein Sinn verborgen ist. Oftmals können wir, nachdem wir eine Krise überstanden haben, den Sinn, das Positive und auch die Entwicklung, die wir durch das Leid gemacht haben, erkennen.

Die Trotzmacht des Geistes

„Seelenstärke ist die Fähigkeit, nein sagen zu können,
wenn die Welt ja hören will“ (Erich Fromm)

Der Wiener Neurologe Frankl spricht immer wieder von der „Trotzmacht des Geistes“. Uwe Böschemeyer schreibt hierzu: „Es gibt Tatsachen, vor denen wir Plötzlich stehen und die uns zu entwurzeln drohen. – Dann kann es wichtig sein, nicht nur nach dem Warum und dem Wozu der Ereignisse zu fragen, sondern trotz dem, was eingetroffen ist, sich zu empören – nicht nur gegen die Tatsachen selbst, sondern auch gegen deren fatale Auswirkungen auf die Seele“

Bei der „Trotzmacht des Geistes“ geht es um den Erhalt von Lebensqualität, um das Bewahren der inneren Freiheit, um Sinnerfahrung, die bleiben kann, auch wenn die Vorstellungen vom Leben zunichte gegangen sind. Doch der Mensch kann „größer“ sein als das, was ihn von außen und von innen klein zu machen droht.

Daher ist es empfehlenswert die seelischen Reaktionen auf die Angriffe gut zu beobachten und sich immer wieder zu fragen, ob man sich das gefallen lassen will. Es ist hier vor allem auch gemeint, dass man sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen muss. In unserem eigenen Erleben, Bewerten und Distanzieren von der Situation haben wir die größten Einflussmöglichkeiten. Wollen wir Angst, Niedergeschlagenheit, Resignation, Hoffnungslosigkeit und Selbstzweifel nähren und wachsen lassen oder wollen wir die inneren und äußeren Freiräume nutzen und selbst an dem Geschehen und den Widrigkeiten wachsen?

Nehmen Sie wahr was mit Ihnen passiert, schauen Sie auf das Zerstörerische in dieser Situation und wie Ihre Seele sich klein, hilflos, zum Opfer machen lässt! Lassen Sie das nicht zu! Schützen Sie Ihren inneren Raum, egal was passiert! Empören Sie sich über die Situation und über das Destruktive in Ihnen selbst. Ziehen Sie sich dadurch empor!

Stellen Sie sich gut ein!

„Nicht wie der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt,
darauf kommt es an.“ (Hermann Hesse)

Welche Haltungen, welche Einstellungen können hilfreich sein, wenn jemand von Cyber-Mobbing betroffen ist? Einige Vorschläge sind:

  • Das Leben ist sinnhaft und behält unter allen Umständen seinen Wert.
  • Das Leben gibt mir eine besondere Herausforderung und Möglichkeit innerlich zu wachsen. Ich werde stärker aus der Krise herauskommen als ich es vorher war.
  • Ich habe alle Fähigkeiten und Ressourcen, um die Situation zu meistern. Ansonsten hätte mich das Leben nicht vor solch eine Aufgabe gestellt.(Franz Kafka sagte einmal sinngemäß: Das was uns im Leben wiederfährt und unsere Möglichkeiten und Potenziale damit umzugehen stimmen überein, wie unser Fuß mit dem Fußabdruck, den wir hinterlassen.)
  • Ich bin selbst verantwortlich für meine Gefühle. Ich kann entscheiden wie viel Macht ich anderen über mich gebe.
  • Ich bin mehr als das Bild der anderen von mir. Das was ich bin, das was mich wirklich ausmacht kann kein anderer verletzen oder angreifen.
  • Ich bin in Ordnung und liebenswert so wie ich bin – auch wenn es Menschen gibt, die ein schlechtes Bild von mir entwerfen.
  • Ich sorge gut für mich und tue mir Gutes – besonders jetzt. Ich tröste mich selbst und suche Unterstützung bei Angehörigen, Freunden und Ressourcepersonen, wenn ich es brauche.

Tun Sie einfach etwas!

„Nicht im Augenblicke steh ich still bei so verstockten Sündern,
und wer nicht mit mir schreiten will, soll meinen Schritt nicht hindern.“ (J.W. von Goethe)

„Doing something is the opposite of depression.“ (Steve de Shazer)

Charakteristisch für „Cyber-Gemobbte“ ist das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Oft fühlen sich die Betroffenen dann wie gelähmt, was bis zur Handlungsunfähigkeit führen kann. Auf der anderen Seite können Menschen sich auch in blindes und planloses Agieren stürzen, was meistens auch nicht weiter hilft.Es kann wichtig sein sich gut und so ruhig wie möglich darauf zu besinnen, was als nächstes getan werden muss. Was ist in dieser Situation konkret zu tun und auch realistisch möglich? Was ist der nächste sinnvolle und naheliegende Schritt? Machen Sie sich eine Liste, entwickeln Sie eine Handlungsstrategie für die Sie folgende Fragen als Hilfsmittel verwenden können. An erster Stelle steht hierbei, was Sie tun können, um gut für sich zu sorgen und ihre seelisch-psychische Verfassung zu stabilisieren und zu verbessern. Je besser es Ihnen geht, desto „besser“ ist auch die Qualität Ihres Handelns.

Gehen Sie heraus aus der Opferhaltung. Das haben Sie nicht nötig. Tun Sie lieber etwas!

  1. Was können Sie selbst tun damit es Ihnen besser geht – auch wenn es zunächst nur eine ganz kleine Verbesserung ist? Wenn Sie sich etwas wohler fühlen, fragen Sie sich erneut, was Sie nun tun können, dass Sie sich noch ein wenig besser fühlen……
  2. Gibt es Möglichkeiten und nützliche Aktivitäten, die Sie in Angriff nehmen können, um den Täter zu stoppen bzw. die Diffamierungen entfernen zu lassen? Woher bekommen Sie professionelle Hilfe (z.B. Rechtsanwalt, Suchmaschinenoptimierer, Coach, Berater) oder sonstige Ressourcepersonen (z.B. andere Betroffene – Menschen, die in ähnlichen Situationen waren oder sind und ihre Erfahrungen weiter geben können)?
  3. Was sind Ihre sonstigen derzeitigen Aufgaben im Leben? Wo wird gerade Ihre Aufmerksamkeit gebraucht? Vernachlässigen Sie jemanden oder etwas? Ist vielleicht gerade etwas anderes viel wichtiger? Was brauchen Sie für Ressourcen damit Sie diesen Dingen gerecht werden können? Wie können Sie diese entwickeln oder sich diese beschaffen? Das Leben geht trotz allem weiter. Sie werden weiterhin gebraucht!
  4. Was ist das Naheliegende was als nächstes getan werden müsste – im Bezug auf die Vorfälle und ganz unabhängig davon?
  5. Was tun Sie wann, wie und in welcher Reihenfolge? Was hat Priorität? Was hat noch Zeit? Gibt es einen Plan B?

Sie brauchen nicht die ganze Welt – außerdem haben Sie Ihre eigene!

„Zähle nicht die Menschen, die du erreichst.
Erreiche lieber die Menschen, die zählen!“ (Erfolgs-Weisheit)

Im Internet entsteht, wenn wir darin in irgendeiner Form präsent sind, ein eigenartiger öffentlicher Raum, der uns das Gefühl vermittelt, als würde die ganze Welt – als Gruppe – auf uns schauen und entscheiden, ob wir dazugehören dürfen oder nicht – ob wir gut, brauchbar und wertvoll – oder schlecht, unnütz und wertlos sind. Wird in diesem „digitalen Weltraum“ ein negatives Bild von uns projiziert, entsteht der Eindruck als würden wir plötzlich schutzlos und völlig alleine, abgekoppelt von der Gemeinschaft dastehen. Unsere Identität wird erschüttert und die nackte Angst ums Überleben greift. Im besonderen Maße geschieht dies, wenn auch der beruflich-geschäftliche Kontext tangiert ist und die Angst finanziell zu verarmen hinzukommt.

Was geschieht in unsern Köpfen? Was macht das mit uns?

Das limbische System oder Emotionalhirn sorgt dafür, dass wir überleben z.B. Gefahren erkennen und entsprechend reagieren. Es arbeitet nur nach einem einzigen Prinzip: Überlebenssicherung. Es empfindet selbst keine Gefühle, sondern erzeugt sie. Das Großhirn hingegen fühlt und bewertet die Gefühle. Das Emotionalhirn kontrolliert fortwährend, ob unsere biologischen Grundmotivationen gewährleistet oder gefährdet sind. Es stellt im Falle einer Gefährdung unmittelbar einen angespannten physiologischen Zustand her damit das Großhirn den Mangel erkennt und dafür sorgt, dass er behoben wird. In der Literatur findet man, je nach Autor, sieben bis acht Grundbedürfnisse (z.B. Schutzinstinkt, Rudelinstinkt, Vergnügungsinstinkt).

Im Falle einer Cyber-Diffamierung entsteht für unser Emotionalhirn etwas außerordentlich Bedrohliches. Plötzlich entsteht der Eindruck als würde das gesamte soziale Gefüge wegbrechen. Die Zugehörigkeit zu unserem „Rudel“, zu unseren sozialen Systemen scheint verloren zu gehen. Die Sicherheit und die Geborgenheit der Gruppe fällt auf einmal weg. Der Wert und die Stellung innerhalb der Gruppe geht für das Emotionalhirn gegen Null. Selbst die grundlegendsten Bedürfnisse nach Wärme, Nahrung und Schutz können gefühlsmäßig absolut bedroht sein.

Wie können wir unser Emotionalhirn beruhigen?

Im NLP gibt es die Grundannahme: Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Das heißt, dass unsere inneren Konstrukte über die Wirklichkeit und die Wirklichkeit da „draußen“ zwei völlig verschiedene Dinge sind. Die „Glückstrainerin“ Inke Jochims betont: „Es gibt falsche Landkarten und richtige. Brauchbar sind jene, die in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen des Emotionalhirns stehen.“ Unser Großhirn ist dazu in der Lage, Beurteilungsfehler zu korrigieren und unseren Instinkten aufzuzeigen, dass unser Überleben gesichert ist. Der Körper reagiert daraufhin unmittelbar mit der Reduzierung von Stress. Die Folge ist, dass wir mehr in Kontakt mit unseren Ressourcen sind, mehr Lebensqualität gewinnen und situationsgerechter handeln können.

Wie könnten Sie dem Emotionalhirn Frieden geben? Beispielsweise dadurch, dass Sie Ihren Instinkten suggerieren, dass die Grundbedürfnisse immer noch erfüllt sind. Suchen Sie in Ihrem Leben ganz bewusst nach entsprechenden Hinweisen und Argumenten.

Sie können beispielsweise folgende Fragen reflektieren:

  • Brauchen Sie die ganze Welt?
  • Sind Sie wirklich interessant für die ganze Welt? Wen interessiert die Veröffentlichung überhaupt?
  • Sagen die Mobbingstrategien nicht viel mehr über die Armseligkeit des Täters aus als über Sie?
  • Wieviele Menschen sind Ihnen wirklich wichtig?
  • Wieviele Menschen brauchen Sie tatsächlich, damit es Ihnen gut geht? Milliarden? mehrere Millionen? Tausende? Hunderte? Zehn?
  • Wer ist Ihnen wirklich wichtig? Würde diese Diffamierung diese Menschen abschrecken?

Machen Sie sich klar:

  • Sie sind nicht das, was über Sie verbreitet wird – Menschen, die wirklich wertvoll für Sie sind, wissen das auch.
  • Es sind nur relativ wenige Menschen, welche die Diffamierung überhaupt zur Kenntnis nehmen.
  • Es ist meistens ein weitaus größeres Armutszeugnis für den Täter, der es nötig hat sein Ego auf Kosten anderer aufzublasen, als für seine vermeintlichen „Opfer“.
  • Ihr soziales Netzwerk bleibt nach wie vor bestehen. Fallen tatsächlich Teile davon weg, können Sie es jeder Zeit ergänzen und erweitern.
  • Die soziale Absicherung bleibt bestehen. Sie werden nicht verhungern oder erfrieren. Ihr Schutz bleibt bestehen (Polizei, Rechtssystem, Krankenversicherung…).
  • Sie können gut und gerne ohne die Menschen leben, die sich tatsächlich von diffamierenden Botschaften beeinflussen lassen und keine Menschenkenntnis und eigene Meinung haben.

Hilfreich kann hierbei sein, wenn Sie sich auf einem großen Blatt aufschreiben oder aufmalen, wer alles zu Ihrem sozialen Netzwerk gehört, wer zu Ihnen steht, wer oder was Ihnen Kraft gibt. Dies können die Familie, Freunde, Kollegen, professionelle Helfer oder Institutionen sein. Sie können sich auch vorstellen, dass diese Personen oder Einrichtungen geschlossen hinter Ihnen stehen, Ihnen Kraft geben und Sie stützen.

Wofür soll das gut sein?

„Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung,
die der Reisende nicht ahnt.“ (Martin Buber)

An dieser Stelle möchte ich nochmals eine grundlegende Aussage von Viktor E. Frankls begründeten Logotherapie beleuchten. Demnach kann es kein noch so gravierendes Schicksalsereignis geben, dem der Mensch nicht einen Sinn abgewinnen könnte. Elisabeth Lukas betont: „Je schwieriger ein Sinnrätsel zu lösen ist, um so größer ist die Herausforderung für das Bewusstsein, das heißt, umso größer ist die Reifungschance (des Menschen).“

Frankl meint: „Wir sind die Befragten! Wir sind die, die da zu antworten haben, Antwort zu geben haben auf die ständige, stündliche Frage des Lebens,

auf die Lebensfragen.“ Er weist hier darauf hin, dass wir vom Leben fortwährend Fragen gestellt bekommen, auf die wir die passende Antwort finden und die wir ver-antworten müssen. Gehen wir der Frage verantwortungsvoll nach, nehmen wir die Heraus-forderung an, haben wir erstaunliche Möglichkeiten uns weiterzuentwickeln, innere Grenzen zu überschreiten und zu wachsen. Wir kommen letztendlich dem Leben – uns selbst – näher und werden innerlich kreativer und lebendiger.

Frankl prägte auch den Satz: „Ein Mensch, der weiß WOFÜR, erträgt fast jedes WIE.“ Demnach ist sehr viel gewonnen, wenn Sie für sich und diese Situation ein „Wofür“, eine passende Sinn-Antwort, gefunden haben.

Wie beantworten Sie die Sinnfrage des Lebens nach dem Cybermobbing? Richtunggebende Hinweise können Sie bekommen, indem Sie sich folgende Fragen stellen.

  • Zu welchen Verhaltensweisen zwingt Sie die Situation, die Sie vorher nie freiwillig in Betracht gezogen hätten?
  • Aus welcher Komfortzone werden Sie herausgerissen hinzu einer zwangsweisen Erweiterung der vorher selbst gesteckten Grenzen?
  • Was ist das Gute an der Situation – trotz allem? Welche positiven Aspekte sind zu finden?
  • Welche positiven Fähigkeiten, Eigenschaften und Ressourcen können Sie durch die Situation entwickeln und erweitern?
  • Wie sähe eine Zukunft für Sie aus in der Sie das Thema innerlich und/oder äußerlich erfolgreich bearbeitet haben? Wie leben Sie dann? Was hat sich in Ihnen und im Außen verändert?
  • Angenommen Sie würden auf die für Sie optimale und beste Weise mit dem Thema umgehen. Was würden Ihre engsten Angehörigen und Freunde an Ihnen würdigen und bewundern? Was würden sie zu Ihnen sagen?
  • Kennen Sie das demütigende, hilflose Gefühl aus einem anderen Kontext, aus Ihrer Prägungsgeschichte, aus der Vergangenheit? Ist es eine Wiederholung? Ist die Situation Chance und Hinweis darauf, alten Ballast endlich hinter sich zu lassen und blockierende Themen zu bearbeiten und zu lösen.
  • Welche Aufforderung könnte für Sie in der Situation verborgen sein? Was möchte das Leben Ihnen aufzeigen? Steckt in der Situation ein Wegweiser?

Nur Sie selbst können erahnen und herausfinden wozu Ihnen die Situation dienen kann. Genau genommen gibt es genau so viele Antworten auf Internetdiffamierung wie es betroffene Menschen von Internetdiffamierung gibt. Als Anregung möchte ich exemplarisch einige Sinnmöglichkeiten vorschlagen.

Der Ruf nach Selbständigkeit:

Vielleicht ist es ein Thema von Ihnen, dass Sie sich stark von der Meinung anderer abhängig machen. Sie sind dann in Ihrem Tun und Lassen viel damit beschäftigt, sich zu fragen, wie sie auf andere wirken, ob Sie auf Ablehnung oder Anerkennung stoßen und haben generell Angst, dass andere schlecht von Ihnen denken könnten. Das Leben hat Ihnen nun per „Crash-Kurs“ eine Möglichkeit geschenkt, zu lernen, sich unabhängig von der Akzeptanz und dem Applaus anderer zu machen. Gleichzeitig lernen Sie sich mehr nach Ihren eigenen Bedürfnissen zu richten und mehr das zu tun was Ihnen eigentlich entspricht. Nehmen Sie Abstand von dem, was in anderer Leute Köpfen vorgeht und gewinnen Sie an innerer Freiheit, Selbständigkeit und Seelenstärke. Schauen Sie was in Ihrem eigenen Kopf passiert.

Der Ruf nach Individualität:

Eng mit diesem Thema verbunden ist unsere Gewohnheit, uns an der „Normalität“ zu orientieren. Was heißt normal? Normal ist das was die Mehrheit, die Masse der Menschen denkt und macht. Es ist ein gefühlter Anpassungsdruck aus der Umwelt, der festgelegte Verhaltensregeln und Stereotypen vorgibt. Wer davon abweicht riskiert von anderen als Außenseiter, Sonderling oder als unnormal eingestuft zu werden. Doch was ist der Preis einer zu starken Normbewusstheit: Wir geben unsere kreativen und schöpferischen Potenziale auf, wir begrenzen unsere Möglichkeiten auf einen von außen vorgegebenen Rahmen und entwickeln kaum unsere Individualität. Beachtenswert ist: Die meisten großen Persönlichkeiten waren und sind abnormal. Was wäre aus Tolstoi, Shakespeare oder den Beatles geworden, wenn sie normal gewesen wären? Van Gogh sagte einmal: „Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“ Haben Sie die Tendenz sich stark mit der Norm zu identifizieren? Nutzen Sie das Cyber-Mobbing dazu, die Norm als Kreativitätsbremse zu sehen und öffnen Sie sich für Ihren individuellen Möglichkeitsrahmen. Hören Sie auf, sich mit anderen zu vergleichen.

Der Ruf nach Selbstliebe:

Möglicherweise haben Sie selbst eine schlechte Meinung von sich, werten sich oft ab und kritisieren sich für die kleinen Fehlschläge des Alltags. Oder Sie halten sich für wenig liebenswert und denken, dass Ihre Kompetenzen und Fähigkeiten nicht ausreichen um erfolgreich zu sein und ein gelingendes Leben zu führen. Das Leben serviert Ihnen nun eine Situation, die Ihnen genau dieses innere Thema im Außen zeigt. Sie bekommen Ihre inneren Selbstzweifel und Ihre Selbstablehnung über diesen Weg gespiegelt. Es ist also eine deutliche Aufforderung, sich endlich selbst anzunehmen, lieben zu lernen und seinen eigenen Wert wahrzunehmen. Gerade jetzt, in einer Zeit die Ihnen augenscheinlich genau das Gegenteil entgegenkommt, sind Sie gezwungen, sich mit Ihrem eigenen Selbstbild auseinander zu setzen. Nutzen Sie dies, um einen neuen Zugang zu sich selbst zu finden. Nehmen Sie sich an wie Sie sind, erkennen Sie Ihre Werte, nehmen Sie Ihre Qualitäten wahr – gerade jetzt! Nutzen und leben Sie Ihren inneren Reichtum.

Der Ruf nach dem Wesentlichen und Sinnhaften:

Vielleicht lebten Sie lange Zeit eher oberflächlich im monotonen Alltagstrott vor sich hin ohne Höhepunkte und ohne wirklich zu spüren, dass Sie existieren. Sie hatten wenig Kontakt zu sich selbst und zum Leben und waren so gefangen in Beschäftigungen, dass Sie kaum merkten, dass Ihnen überhaupt etwas fehlt. Vielleicht war im Hintergrund Ihres Wesens aber ein Funken, der sich nach einem ganz anderen Seinszustand, nach einem anderen Leben gesehnt hat. Nichts kann so stark in die eigenen Tiefen, in die eigenen Wurzeln des Menschseins, ins Wesentliche eindringen wie schicksalhaft erfahrenes Leid. Wir werden gezwungen unsere alten Konzepte, Vorstellungen und Erwartungen aufzugeben. Gleichzeitig kann, wenn es gut ist, eine Offenheit und Empfänglichkeit für die eigenen Tiefen entstehen. Es kann sein, dass Sie sich plötzlich für spirituelle, philosophische oder psychologische Themen interessieren oder Sie bekommen den Impuls zu malen, Gedichte zu schreiben oder anders kreativ tätig zu sein. Vielleicht haben Sie auch besondere innere Erfahrungen, so dass Sie sich innerlich von etwas Größerem getragen fühlen oder dass Sie Ihre Beziehungen ganz neu und intensiv wahrnehmen. Sie bekommen eine Hilfestellung dazu, in Kontakt mit Ihren eigenen Tiefen und mit dem Wesentlichen im Leben zu kommen. Haben Sie ich schon die existenziellen Fragen gestellt: Wer bin ich? Woher komme ich? Wo gehe ich hin? Geben Sie Ihrem Leben Sinn.

Die Situation als Wegweiser:

Es kann auch sein, dass sich ganz praktische „Wegweiser“ in der Situation zeigen. Vielleicht haben Sie sich geschäftlich zu einer Sackgasse hinbewegt, Sie haben auf das falsches Pferd gesetzt oder eine Richtung eingeschlagen, die Ihnen im Grunde nicht entspricht. Wenn Ihr Unternehmen diffamiert worden ist – vielleicht haben Sie zu einseitig auf Ihre Internetpräsenz gesetzt und andere Marketingkanäle vernachlässigt. Es könnte auch sein, dass Sie sich schon seit Jahren mit dem Gedanken beschäftigen etwas völlig anderes machen zu wollen – wie war das mit dem Häuschen in der Toskana und dem biologischen Landbau? Wie war das mit dem Projekt, sich mal selbständig zu machen im Lernhilfebereich, als Musiker, als Heilpraktiker……? Was war mit dem Traum mal ein Jahr Auszeit zu nehmen und die Welt zu bereisen? Es kann auch sein, dass die Diffamierung ein altes Thema und Gefühlsmuster in Ihnen wach ruft, das sich in Ihrem Leben schon vielfach wiederholt hat. Es könnte ein deutlicher Wink sein, eine Therapie oder ein Coaching aufzusuchen, wo die Entstehungsgeschichte und die Problematik des Musters endlich positiv bearbeitet werden kann. Suchen Sie den Zugang zu Ihren intuitiven Vermögen und untersuchen Sie, welche hilfreichen Informationen und korrigierenden Handlungsweisen Sie von der Situation ableiten können.

Deine Last hat mich stark gemacht

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
(Johann C. F. Hölderlin)

Folgende Geschichte aus Tunesien soll den wesentlichen Grundgedanken, den ich Ihnen vermitteln möchte, als Metapher zusammenfassen.

Ein Mensch konnte nichts Schönes und Gesundes ertragen. Als er in einer Oase einen jungen Palmbaum im schönsten Wuchs fand, nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem Lachen ging er weiter.

Die Palme versuchte die Last abzuwerfen. Sie schüttelte und bog sich. Vergebens.

Sie krallte sich tiefer in den Boden, bis ihre Wurzeln verborgene Wasseradern erreichten. Diese Kraft aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten sie zu einer königlichen Palme, die auch den Stein hochstemmen konnte.

Nach Jahren kam der Mann wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu erfreuen. Da senkte die kräftige Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: „Ich muss Dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht.“

Resumée

Es war mir in diesem Artikel wichtig zu verdeutlichen, dass jeder im Internet Diffamierte die Möglichkeit hat, seine Einstellung und Haltung zu der Attacke zu verändern – unabhängig von dem Ausmaß der Diffamierung. Sie können selbst vom Opfer zum „Lösungstäter“ werden, indem Sie Ihren eigenen inneren Freiraum einnehmen, handeln wo handeln angebracht ist und dem Aufforderungscharakter der Situation nachgehen. Der momentan erlebte „Horrortrip“ kann dadurch zu einem „Sprungbrett“ werden, sich persönlich weiter zu entwickeln, sich selbst näher zu kommen und eigene Grenzen zu überschreiten.

Darüber hinaus kann es auch entlastend sein, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Es gibt eine Reihe von Internet-Foren auf die Sie mit den entsprechenden Suchbegriffen stoßen. Wenn Sie merken, dass Sie weitergehende Unterstützung brauchen, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Literaturhinweise

Böschemeyer, Uwe: Das Leben meint mich. Lüneburg 2001
Frankl, Viktor E
.: Äztliche Seelsorge – Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München 2007
Frankl, Viktor E
.: Trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München 1998
Jochims, Inke
: Die Erziehung der Gefühle, Kommunikation und Seminar 6/2007, S. 14-19
Lukas, Elisabeth
: Lehrbuch der Logotherapie. München 1998
Lukas, Elisabeth
: Spirituelle Psychologie – Quellen sinnvollen Lebens. München 2001

Weitere Ressourcen im Netz

Die Verleumdungs-Seiten ESOWATCH, GWUP und Forum Alpha Centauri von Jocelyne Lopez
Gegen Cyber-Mobbing bei Mediation Berlin Blog
Cyber-Mobbing Ade bei scoyo
Cyber-Mobbing bei readers edition
Esowatch.com im Münchhausen-Test: »Akupunktur« bei psychophysik

Autor:

Andreas Kemmerer
Praxis für Psychotherapie, Beratung und Coaching
Oberstedter Straße 6
61440 Oberursel
Tel. 06171-208293

web: www.loesungen-erschliessen.de
email: info@loesungen-erschliessen.de

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Esowatch.com im Münchhausen-Test: »Akupunktur« | H.Blog: Homöopathie & Forschung

  2. Hallo Herr Kemmerer,
    besten Dank für diesen ausführlichen Artikel zum Thema Cyber-Mobbing und die sich anschließenden „Sinnfragen“.
    Eine recht ungewöhnliche Sichtweise für Mobbingbetroffene,
    aber lösungsorientiert, gut und bedenkenswert mit einem Blick „nach vorne“ …
    Christa D. Schäfer

  3. Pingback: Andreas Kemmerer: Cyber-Mobbing und Diffamierung im Internet - innere Wegweiser für Betroffene

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  7. Den Spruch im Artikel finde ich sehr toll: „Nicht wie der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt, darauf kommt es an.“ (Hermann Hesse).
    Im Falle des Cyber-Mobbings dürfte das setzen des Segels zur Abwehr sehr schwer sein. Um so mehr sich ein Betroffener wehrt, um so stärker werden die Angriffe werden. So wird die Öffentlichkeit immer stärker eingebunden. Genau das wollen die Täter.

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