Wikipedia Deutschland – Besuch in der Wikimedia Geschäftsstelle

Diese Woche war ich zu einem Gespräch bei RheinMainNetwork in der Bolongarostraße 103 in Frankfurt/Höchst und begegnete dort in der Teeküche Arne Klempert, verantwortlich für die Pressearbeit der Wikipedia Deutschland und seit Oktober 2006 als erster festangestellter Mitarbeiter von Wikimedia Deutschland als Geschäftsführer in der dortigen Bürogemeinschaft in Höchst tätig. Seiner Einladung ins Büro bin ich gern gefolgt.

Thematisch war das Gespräch für mich sehr spannend. Zum einen aufgrund unserer vergleichbaren Hintergründe. Arne bringt neben seiner Tätigkeit Erfahrungen mit aus Soziologie, Journalismus, Werbung, DTP, Öffentlichkeitsarbeit und Informatik, so dass es zahlreiche Überschneidungen gibt. Meine Wurzeln liegen ja seit 2001 beim Open Directory Project, das schon legendär war, bevor die Wikipedia angetreten ist. Allerdings kennen mittlerweile fast nur noch Webmaster, Suchmaschinen-Optimierer und andere IT-Freaks das ODP, während die Wikipedia fast jeder Surfer nutzt. Diese Beliebtheit birgt natürlich auch Herausforderungen in sich: Die zum Betrieb nötigen 350 Server und Gehälter der zehn festen Angestellten finanzieren sich nicht von allein, während das ODP von AOL getragen wird.

So führte ich an, dass zahlreiche Open Source Projekte wie phpBB.de, wo ich ebenfalls im Team engagiert bin, Anzeigen für und Links zu Sponsoren auf ihren Seiten anbieten. Was nun gleichzeitig von Google aufgrund der Attacken gegen Paid-Links diesen Projekten ihre finanzielle Grundlage rauben kann. Ich sehe schon die Schlagzeile „Google bekämpft Open Source“ vor meinem inneren Auge.

Für Arne ist dies eine weitere Bestätigung des Wikipedia-Kurses, völlig werbefrei zu bleiben und sich dadurch auch Unabhängigkeit zu sichern. Egal, ob Paid-Links abgestraft werden und dadurch Gelder bei Projekten wegbrechen, die dies sonst benötigen, oder Werbepartner inhaltliche Einflüsse gelten machen wollten, was abhängige Projekte zeitweilig nicht verweigern können: Die Wikipedia ist hier autark und bewahrt sich ihre „Street-Credibility“. Ich selbst kenne dies Problem auch von Magazinen, für die ich schreibe, wo der redaktionelle Teil mit dem Anzeigenbereich immer mehr verschwimmt: „Wir schalten eine große Anzeige, dafür schreibt ihr in den News über uns.“ Eine gängige Praxis bei Magazinen, die mir nicht sonderlich gut schmeckt.

Die Wikipedia ist in meinen Augen eine wirklich starke Marke im Netz. Und es gehört sicher einiges dazu, den Versuchungen der Wirtschaft zu widerstehen – gerade auch angesichts der sicher nicht einfachen Finanzierung. Ich drücke dem Projekt auf jeden Fall die Daumen.

Wobei wir hier bei einer gewissen Hassliebe angekommen sind. Einerseits bin ich gern User der Wikipedia. Andererseits musste ich als Autor feststellen, dass ich bei einem Themengebiet – zu dem ich bereits mehrere Publikationen im In- und Ausland vorzuweisen habe – keine Chance hatte auf eine ausgewogene Berichterstattung. Während die Wikipedia gerade bei wissenschaftlichen Themen glänzen kann, ist es bei Themen aus Bereichen wie der Alternativmedizin schwierig. Hier wird ein Skeptizismus zugrunde gelegt, der vergisst, dass beispielsweise die westliche Schulmedizin auch nur eine bestimmte Art des Denkens ist. So werden Methoden der Naturheilkunde als unwissenschaftlich gewertet oder auf den „Placebo-Effekt“ reduziert, was aus einer beschränkten Sicht und Weltanschauung stimmig ist, aber Informationssuchenden eine eher negative Bewertung vermittelt.

Gerade bei jenem Artikel musste ich einen ziemlichen Edit-War erleben, was die Weblinks angeht. Dabei wurden die beiden wichtigsten Ressourcen im Internet zum Thema von anderen Webmastern immer wieder gelöscht. Das eine war das einzige Fachmagazin zum Thema, für das ich schreibe, das andere das einzige Online-Magazin, dessen Chefredakteur ich bin. Insofern kann ich natürlich nicht als neutral gelten. Andererseits pflege ich die entsprechenden Fach-Kategorien beim ODP seit sechs Jahren, habe in der gesamten Zeit weit über 300 Links eingepflegt und kenne somit alle diese Seiten. Dabei war Sachlichkeit und Neutralität stets gewährleistet: Ich trenne als Editor zwischen persönlicher Meinung und den Richtlinien des Directories. Somit war es für mich traurig, dass die Wikipedia diese beiden wichtigsten Ressourcen zum Thema einfach nicht in den Weblinks halten wollte – nofollow hin oder her.

Natürlich war die nofollow-Geschichte ein Gesprächsthema. Auch Arne scheint mit dieser Lösung nicht ganz glücklich. Schließlich haben all die vielen Betreiber von Webseiten, die auf die Wikipedia linken, diese erst groß gemacht. Und was spräche dagegen, dass die Wikipedia einen Teil ihrer Autorität auf wirklich relevante Seiten vererben würde? Ihm ist bewusst, dass das Netz ein einziges Geben und Nehmen ist – und ohne Links gäbe es kein Netz. Durch das nofollow-Konstrukt hat sich die Wikipedia hier ein wenig rausgenommen.

Angesichts der Edit-Wars kann ich dieses Vorgehen verstehen. Und erlebe beim ODP ständig, wie dummdreist manche angeblichen Suchmaschinen-Optimierer alles versuchen, um ihre Seiten irgendwo zu platzieren. Ich verdiene meine Brötchen selbst in diesem Business, bin aber zuerst als ODP-Editor gestartet, stehe also, wie Arne lachend anmerkte „auf der Seite der Guten“. Für mich hat ethisches Handeln immer noch Priorität über Vermarktung und Business-Erfolg. Natürlich würde ich der Wikipedia insofern raten, ein mehrstufiges System zu praktizieren, inspiriert vom ODP: Änderungen in Artikeln könnten nur registrierte User eingeben, diese neuen Versionen müssten von Meta-Editoren erst freigeschaltet werden und nur diese könnten überhaupt Weblinks eingeben – natürlich ohne nofollow – aufgrund von Empfehlungen in den Diskussions-Zweigen. Bestimmt gibt es diese Vorschläge längst und vermutlich würden diese dem aktuellen Konzept der Wikipedia widersprechen.

Als letztes erwähnte ich noch den Fall eines bekannten und erfolgreichen Suchmaschinen-Optimierers, berüchtigt für seine Liebe zu Stubentigern und gutem Bier, der mir auf der Abakus PubCon 2007 folgende Geschichte erzählt hat: Zuerst sei der Content einiger seiner Seiten in der Wikipedia erschienen, mit Hinweis auf seine Seiten als Quelle. Im Laufe der Jahre sei dieser Hinweis entfernt worden. Und schließlich wäre er seitens Wikipedia kontaktiert und angemahnt worden, da er Inhalte der Wikipedia auf seinen Seiten ohne Quellenangabe verwenden würde. Arne betonte, dass solches nicht vorkommen sollte und Betreiber, denen dies passieren würde, die Möglichkeit hätten, die Wikipedia zu kontaktieren, um die Sache ins Reine zu bringen.

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